Es gibt viele Gründe, warum einem in Berlin schwindelig werden kann – die Miete, der Verkehr oder einfach Tim Raue. Diesmal allerdings im besten Sinne: Der Berliner Superstar unter den Köchen ist verantwortlich für die Kulinarik im Fernsehturm. Ja, genau DEM Fernsehturm. In 203 Metern Höhe, dort wo sonst Touristen mit gezückten Smartphones den Sonnenuntergang jagen, serviert Raue ein Menü, das kulinarisch wie emotional neue Höhen erklimmt. Der Titel: eine Liebeserklärung an Oma Gerda. Der Geschmack: eine Hommage an die Kindheit – allerdings mit einem Panoramablick, der selbst Engel neidisch macht.
HIMMEL ÜBER BERLIN – EINE HOMMAGE AN OMA GERDA



im Berliner Fernsehturm
Panoramastraße 1a | 10178 Berlin
Wer das Drehrestaurant Sphere betritt, spürt sofort: Hier trifft Ostalgie auf Genuss. Die DDR hat das Ding einst gebaut, damit man von oben sehen konnte, dass der Sozialismus alles überblickt – heute schaut Tim Raue runter und denkt vermutlich: „Ganz schön weit gekommen.“ Der Mann, der Hunger in Stärke verwandelt hat, der Berlin auf Netflix, MagentaTV und in den „World’s 50 Best Restaurants“ verewigt hat, verantwortet nun die Küche über den Wolken. Und weil er es kann, serviert er Erinnerungen im Porzellan- Feinkostformat.
Die erste Note: Sprotte, Buchweizen und imperialer Kaviar – Oma hätte gesagt „Fisch mit Körnern“, Raue sagt „Aha-Moment“. Dann dampft eine Ostsee-Krustentiersuppe, so fein wie das Meer bei Windstille. Tomaten, Ingwer, ein bisschen Kindheit, ein bisschen Fernweh. Zander mit Sauerkraut und Minze tanzt zwischen Nordsee und Nahost, zwischen Wohlgefühl und Wagemut. Und dann kommt der Falsche Hase – natürlich nicht einfach Hackbraten mit Möhrchen. Raue verwandelt das Sonntagsessen von damals in ein orchestriertes Erinnerungsstück. Steinpilzrahm, Erbsen, Püree – und plötzlich sitzt man gedanklich wieder an Omas Küchentisch, nur dass diesmal die Aussicht besser ist und das Kartoffelpüree keine Klümpchen hat. Zum Dessert wird’s sentimental und sündig zugleich: Schokoladenpudding mit Haselnuss und Kaffee. Eine süße Verbeugung vor der Vergangenheit, nur eben mit göttlichem Glanz. Es ist dieser Balanceakt zwischen Bodenhaftung und Höhenflug, den Tim Raue beherrscht wie kein Zweiter.
Die flüssige Begleitung liefert Markus Schneider – der Pfälzer Weinmacher, dermit Namen wie Kaitui und Black Print längst Kultstatus erreicht hat. Schneider steht für Spaß im Glas, für „Wein mit Grinsen“. Er weiß, dass Riesling auch Rock’n’Roll kann und Chardonnay kein Chichi braucht. Selbst der Merlot bekommt hier oben Flügel. Und als Aperitif? Ein orangefarbener Warm-up mit Rum, Turmschimmer und Ginger Beer – flüssiger Sonnenuntergang inklusive. Das Ganze klingt nach Spektakel, ist aber vor allem eins: persönlich. Denn Raue arbeitet hier nicht für Punkte oder Preise, sondern für Gefühle. Für dieses „Ach ja, so hat’s früher geschmeckt – nur krasser“- Gefühl. Für alle, die wissen, dass Essen Erinnerung ist. Und dass man manchmal erst ganz hoch hinaus muss, um wieder zu sich selbst zu kommen.
Wenn sich der Fernsehturm langsam dreht, Berlin unter einem glitzert und aus der Küche leise das Klappern der Suppenschalen klingt, dann versteht man, was dieser Abend ist: kein Event, keine Show, sondern ein Stück kulinarische Poesie. Zwischen Himmel und Heimat, zwischen Vergangenheit und Vision. Und irgendwo da oben, während Raue seine Gäste mit Zander und Zärtlichkeit um den Finger wickelt, lehnt sich Oma Gerda wahrscheinlich auf ihrer Wolke zurück und sagt: „Na siehste, Junge – geht doch.“

